01.05.2018 | Universität | Umwelt & Materie

«In der Gleichstellung braucht es Kontinuität»

40 Prozent der ausgeschriebenen Professuren sollen mit Frauen besetzt werden: So sieht es die neue Leistungsvereinbarung der Universitätsleitung mit der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät vor. Dekan Gilberto Colangelo zeigt sich im Interview überzeugt, dass dies ein realistisches Ziel ist.

Interview: Karin Beyeler

«uniaktuell»: Herr Colangelo, Ihre Fakultät hatte 2017 mit 12% den tiefsten Frauenanteil bei den Professuren an der Universität Bern. Ärgert Sie dieser letzte Platz?
Gilberto Colangelo: Ich bin unglücklich darüber, und damit bin ich nicht allein, denn wir sind eine grosse Fakultät. Es gibt aber grosse Unterschiede zwischen den Fachbereichen. So ist es zum Beispiel in der Biologie kein Problem, Frauen anzustellen, aber in der Chemie oder der Physik ist der Pool an möglichen Kandidatinnen klein. Der tiefe Frauenanteil bei den Professuren ist zwar das Resultat einer langen Geschichte, ist aber eine schlechte Visitenkarte. Wir sind sehr bestrebt, etwas daran zu ändern.

Was unternimmt die Fakultät denn konkret?
Die aktuellen Massnahmen sind hauptsächlich auf der Stufe des akademischen Mittelbaus angesiedelt. Dies, weil wir wissen, dass in dieser Phase viele Frauen aufgrund von Vereinbarkeitsproblemen die akademische Karriere verlassen. Dem probieren wir zum Beispiel durch die Finanzierung von Kinderbetreuung während Konferenzbesuchen oder durch das innovative 120%-Modell entgegenzuwirken. Für das 120%-Modell können sich Postdocs mit Betreuungspflichten bewerben. Es ermöglicht ihnen, ihr Arbeitspensum vorübergehend auf 60-80% zu reduzieren. Ergänzend wird ein Techniker/eine Technikerin oder eine Hilfsassistenz zu 40-60% angestellt. Kontinuität ist wichtig, weil Gleichstellungsmassnahmen immer wieder überprüft und an die Zeit angepasst werden müssen. So haben wir vor einigen Jahren eine Gleichstellungskommission gebildet, die später als permanente Kommission verankert wurde.

Welche Aspekte finden Sie am wichtigsten, um in Sachen Gleichstellung voranzukommen?
Der wichtigste Moment sind die Anstellungskommissionen. In den letzten Jahren hatten wir sehr gute Resultate; wir haben über die Hälfte der Professuren mit Frauen besetzt. Das war weder geplant noch gab es dahinter ein spezifisches Ziel. Die Kolleginnen und Kollegen aus den Fachbereichen haben da in den meisten Fällen sehr unterstützt. So konnte zum Beispiel im Fachbereich Chemie mit Natalie Banerji zum ersten Mal in Bern eine Professorin angestellt werden. Es war wirklich Zeit dafür. Die Kollegen im Fach waren über diese Besetzung sehr glücklich.

Was war als Dekan Ihre Rolle in der Gleichstellungsarbeit?
Zufällig war ich vor meiner Zeit als Dekan der erste Vorsitzende der Gleichstellungskommission. Als Dekan war es mir dann wichtig, die Kommission in ihrer Arbeit zu unterstützen. Die meisten Kolleginnen und Kollegen an der Fakultät stehen hinter den Anliegen, aber es gibt vereinzelt auch noch Leute, die der Meinung sind, dass es Gleichstellungsmassnahmen nicht braucht, im Sinne von: «Entweder werden Frauen angestellt, weil sie gut sind, oder es lohnt sich nicht, etwas zu tun.» Auch manche Kolleginnen sehen Massnahmen für Frauen nicht gerne, weil sie keine Sonderbehandlung möchten. Aber ich bin überzeugt, dass man etwas tun muss und vertrete diese Haltung sehr klar.

Was ist Ihr Hintergrund; gibt es eine persönliche Motivation, sich für Gleichstellung zu engagieren?
Solche Problemen und Barrieren in der Gesellschaft habe ich erst spät erlebt. Meine Mutter war Ingenieurin, was damals eher besonders war. Aber in meiner Familie war das absolut normal; schon die Eltern meiner Mutter waren der Meinung, dass alle Kinder die gleichen Chancen haben müssen. Dies zeigt: die Barrieren im Kopf können überwunden werden.

Sie waren nun vier Jahre lang Dekan. Ihre Amtszeit neigt sich dem Ende zu. Gibt es Highlights aus dieser Zeit, an die Sie sich später erinnern werden?
Ein Highlight fällt mir gerade ein, und es hat sogar etwas mit Gleichstellung zu tun. 2015 habe ich die Schriftstellerin Dava Sobel für ein Ehrendoktorat vorgeschlagen und wurde dabei von der Fakultät unterstützt. Ich fand es grossartig, dass eine Schriftstellerin mit Geschichten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die teilweise gar nicht bekannt waren, solchen Erfolg haben kann. Es war sehr schön, dass es geklappt hat, sie nach Bern zu bringen. Viele waren begeistert von dieser unüblichen, spannenden Ehrendoktorin.

Was gibt es für Ihren Nachfolger Zoltan Balogh zukünftig in Sachen Gleichstellung zu tun?
Wir haben dieses Jahr eine neue Leistungsvereinbarung mit der Universitätsleitung unterschrieben. Punkto Gleichstellung enthält diese jetzt ein konkretes Ziel: 40% der ausgeschriebenen Professuren sollen mit Frauen besetzt werden. Die Diskussionen, die wir im Vorfeld hatten, waren interessant. Manche Kolleginnen und Kollegen, die über Gleichstellungsanliegen sehr positiv denken, fanden das Ziel völlig unrealistisch. Ich habe ihnen dann aber gesagt, dass wir in den letzten Jahren sogar einen höheren Frauenanteil hatten. Ich halte das Ziel für gut und bin überzeugt, dass die Fakultätsmitglieder sehr unterstützend sind. Das kann klappen!

ZUR PERSON

Prof. Dr. Gilberto Colangelo Colangelo ist seit 2006 als ordentlicher Professor am Institut für Theoretische Physik an der Universität Bern tätig. Seit 2014 ist Colangelo zudem Dekan der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät.

WANDERAUSSTELLUNG «ACH, DU LIEBE ZEIT!»

Von 14. bis 24. Mai 2018 gastiert die Wanderausstellung «Ach, du liebe Zeit!» der Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern im Foyer des ExWi-Gebäudes an der Sidlerstrasse 5. Präsentiert werden Porträts von Forschenden der Universität Bern, die nebst Forschung und Lehre auch familiäre Verpflichtungen unter einen Hut bringen.

ZUR AUTORIN

Karin Beyeler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Gleichstellung der Universität Bern.