02.11.2018 | Studium | Geist & Gesellschaft

«Ich habe aus dem Bauch heraus entschieden»

Anna Sutter gewann 2017 die Philosophie-Olympiade. Heute studiert die 19-jährige Islamwissenschaften und Osteuropastudien in Bern. Nun wird sie mit dem «Förderpreis Wissenschafts-Olympiaden» der Universität Bern ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über ihre Studienwahl, Zukunftsideen – und die Grenzen von Toleranz.

Interview: Mirjam Sager

Anna Sutter, Ihr Kollege Isaias Moser, der ebenfalls Gold bei der Philo-Olympiade gewann, schrieb in Das Magazin: «Ein Wettstreit in Philosophie? Ich fand das eine lustige Vorstellung.» Ging es Ihnen ähnlich?
Als ich von der Olympiade hörte, dachte ich mir: Das ist eine schöne Gelegenheit, einen Text zu schreiben. Die Sprache und die Frage, wie man die eigenen Gedanken ausdrücken kann, sind ja sehr eng mit der Philosophie verbunden. Der Wettkampfgedanke ist für mich bis zum Schluss zwiespältig geblieben. Weil die Beurteilung des Essays, das man beim Wettbewerb schreibt, immer etwas Subjektives hat, auch wenn es Beurteilungskriterien gibt.

Ihr Essay an der internationalen Philosophie-Olympiade handelte von den Grenzen der Toleranz. Wie haben Sie damals argumentiert? Und wie würden Sie heute argumentieren?
Ich argumentierte damals, dass Toleranz toxisch sein kann in gewissen Machtkonstellationen. Nämlich dann, wenn die Unterdrückten den Unterdrückern gegenüber tolerant sind. Denn Toleranz bedeutet ja eigentlich Duldsamkeit, ein Ertragen eines Zustands, den man nicht gutheisst. Diese Betrachtung des Begriffs Toleranz des deutsch-US-amerikanischen Neomarxisten Herbert Marcuse spielt darauf an, dass das Konzept, wie es heute verstanden wird, im Westen so viel Verbreitung fand, weil es eine effiziente Methode darstellt, bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Schichten ruhig zu stellen.

Heute verwenden wir den Begriff Toleranz ja vielmehr, wenn wir darüber reden, wie wir in einer Gesellschaft zusammenleben können, wenn wir nicht alle gleich sind.
Ja, genau, diesen Aspekt würde ich meinem Essay heute vertiefter behandeln. Man könnte sich zum Beispiel fragen, ob Toleranz alleine reicht. Oder ob wir eher einen Zustand anstreben müssten, wo wir die «Anderen» nicht nur ertragen, sondern wo wir auf sie zugehen, Gespräche führen, streiten und Konflikte konkret und friedlich austragen. Ich glaube, dass die Idee der Toleranz zu einer segregierten Gesellschaft führen kann, zu einem Leben, in dem man isoliert ist mit sich und seinesgleichen.

Bei der Philosophie-Olympiade in Rotterdam hatten Sie die Gelegenheit, auf «Andere» zuzugehen, nämlich auf Jugendliche aus 45 Ländern. Haben sich hier engere Freundschaften ergeben?
Ja, tatsächlich. Einer meiner heute engsten Freunde habe ich damals kennengelernt. Er lebt in der Türkei, wir haben seither viel diskutiert und diesen Sommer habe ich ihn am Ende meiner Reise durch Bosnien, Montenegro, Albanien und Griechenland in Instanbul besucht.

Haben diese Freundschaft und die Reise Ihre Studienwahl beeinflusst? Sie haben sich ja nicht für Philosophie entschieden, sondern für Islamwissenschaft und Osteuropastudien.
Beide Aspekte haben mein Interesse an der Studienrichtung vertieft, der Entscheid kam aber schon vorher. Ich dachte mir, es könnte spannend sein, anstelle eines Zwischenjahrs mit einem Studienfach zu beginnen, das ich vorher nicht wirklich in Betracht gezogen hatte. Ich habe ein im weitesten Sinn politisches Interesse daran, mehr über den Islam zu lernen, zudem fasziniert mich die mit der Religion verbundene Kulturgeschichte. So habe ich aus dem Bauch heraus entschieden, ohne langwierige Überlegungen.

Philosophisch betrachtet: Ist es schlau, die Studienwahl per Bauchentscheid zu fällen?
Ich tendiere immer mehr zu einem Ja. Ich bin eigentlich ein Kopfmensch, mache mir sehr ausführlich Gedanken zu Entscheidungen, versuche alle Faktoren in Betracht zu ziehen, wäge alles gegeneinander ab. Ich bin zum Schluss gekommen, dass dies nicht sehr hilfreich ist. Ein zu detailliertes Bild von allen potenziell negativen und positiven Seiten, die ja jedes Studienfach hat, macht es sehr schwierig, rational etwas zu wählen. Als Ausweg aus dieser Lage bleibt einem nur der Bauchentscheid. Ich denke, es ist ein falsches Bild, dass man Erfahrungen, bevor man sie tatsächlich macht, quantifizieren kann. Ich glaube, man muss sich zuerst ganz auf die Erfahrung einlassen, um sich ein Bild davon zu machen, ob dieses oder jenes Studium nun passt oder nicht.

Mit dem «Förderpreis Wissenschafts-Olympiaden» würdigt die Universität Bern Ihre ausgezeichneten Leistungen bei der Philosophie-Olympiade. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Ich habe mich sehr gefreut. Und ich bin dankbar, denn das Stipendium von 2000 Franken werde ich im ersten Bachelorjahr sehr gut nutzen können. Andererseits denke ich mir, dass es viele andere Studierende gibt, die talentiert sind und ihr Studium mit viel Elan aufnehmen, aber kein Anrecht auf den Preis haben, weil sie nicht bei einer Olympiade mitgemacht haben.

Schauen wir in die Zukunft: Wo sehen Sie sich nach dem Studium?
Ich habe die Hoffnung, oder die Illusion, einmal vom literarischen Schreiben leben zu können, und über mein Studium vielleicht in den Journalismus zu finden, als zweites Standbein sozusagen – obwohl das wohl eine zu optimistische Formulierung ist (lacht). Ich habe mich ziemlich bewusst dafür entschieden, dass ich nicht genau weiss, wohin mein Weg führt. Deshalb versuche ich, mich mit grossem Fokus mit dem zu beschäftigen, was mich heute umgibt.

Zum Interview mit Anna Sutter auf der Website der Wissenschafts-Olympiade inkl. Video mit Tipps zur Studienwahl

FÖRDERPREIS WISSENSCHAFTS-OLYMPIADEN DER UNIVERSITÄT BERN

Der «Förderpreis Wissenschafts-Olympiaden» der Universität Bern unterstützt herausragende Mittelschülerinnen und Mittelschüler, die an den internationalen Wissenschafts-Olympiaden teilgenommen haben und sich für einen Studiengang an der Universität Bern entschieden haben.

WISSENSCHAFTS-OLYMPIADE

Die Wissenschafts-Olympiade fördert neugierige Jugendliche, weckt wissenschaftliche Begabungen und Kreativität und beweist: Wissenschaft ist spannend. Acht Olympiaden organisieren Workshops, Lager, Prüfungen sowie Wettbewerbe für über 3'500 Talente in Wissenschaft und Technik. Die besten Nachwuchstalente reisen für die Schweiz an die internationalen Wissenschafts-Olympiaden.

ZUR AUTORIN

Mirjam Sager ist Kommunikationsbeauftragte der Wissenschafts-Olympiade.