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25.10.2018 | Universität | Gesundheit & Medizin

Hitzkirch – Houston: Auf den Spuren der Ermordung von Präsident JFK

Die Interkantonale Polizeischule Hitzkirch (LU) wurde unter Leitung der Universität Bern für drei Tage zur Hauptstadt der Wundballistik. Dozierende in Medizin und Wundballistik trafen sich mit Akteuren der Untersuchungsbehörden und diskutierten die Flugbahn und Wirkung von Geschossen. Ein Höhepunkt waren die Rekonstruktionen sowie die Beantwortung strittiger Fragen im Fall der Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy – auch dank Forschenden der Universität Bern.

Von Matthieu Glardon

Die Abteilung für Forensische Physik/Ballistik des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern untersucht das Verhalten von Geschossen beim Eindringen in den Körper von Lebewesen. Ihre Erkenntnisse teilen die Berner Forschenden schon seit 2011 jährlich mit Teilnehmenden aus der ganzen Welt. Kriminaltechnisches und Rechtsmedizinisches Fachpersonal sowie Polizistinnen und Polizisten erfahren so mehr über die Zusammenhänge zwischen ballistischen Phänomenen und Schussverletzungen. Neben den Aspirantinnen und Aspiranten der Polizeischule waren nun auch 25 Teilnehmende des International Wound Ballistics Workshop der Universität Bern letzte Woche an der Interkantonalen Polizeischule Hitzkirch (LU) anzutreffen.

Einmalige Einblicke in Wundprofile

Im wundballistischen Seminar werden Theorie und Praxis verknüpft: Die Teilnehmenden profitieren vom Wissen der forensischen Ballistiker der Universität Bern, aber auch von den Erfahrungen der Rechtsmediziner und einem Kriegschirurgen. Fallbeispiele von anonymisierten sowie abgeschlossenen Fällen zeigen, wie die Ballistik und Wundballistik einen erheblichen Beitrag zur Falllösung beigetragen haben. Mit der Hilfe von Ersatzstoffen, die sich beim Einsatz von Schusswaffen ähnlich verhalten wie Körpergewebe, werden die Verletzungsmechanismen von Kurz- und Langwaffengeschossen simuliert.

So können Kriminaltaten rekonstruiert werden. Bei den praktischen Demonstrationen wurden unter anderem die Einflüsse der Auftreffenergie, der Energieabgabe und des Waffensystems auf das Wundprofil gezeigt. Dadurch erhalten die Teilnehmenden Einblicke in Phänomene, welche weder Chirurginnen, Polizisten noch Rechtsmedizinerinnen sonst beobachten können. Diese Experimente können auch zur Prüfung einer Hypothese oder zur Beantwortung der Fragen der Parteien in einem Strafprozess dienen.

Bern und die Erforschung vom Mord an JFK

Für die siebte Ausführung des Seminars konnte die Organisation prominente Redner aus den Vereinigten Staaten gewinnen: Luke Haag und Alex Jason. Alex Jason ist nicht nur ein erfahrener Kriminaltechniker, sondern auch ein Gründungsmitglied des Internationalen Vereins für Wundballistik. Er zeigte den Teilnehmenden einige Fälle aus seiner langen Karriere als Kriminaltechniker. Auch Luke Haag ist in der Fachwelt ein Star: Er beschäftigt sich intensiv mit der Rekonstruktion von Schussverbrechen und forschte unter anderem zum Mord von John F. Kennedy.

So demonstrierte Haag mit praktischen Schiessversuchen seine Hauptbefunde im Fall Kennedy: Die tödlichen Schüsse wurden aus einer Langwaffe mit einem in den USA nahezu unbekannten Kaliber abgefeuert. Die Teilnehmenden konnten so erfahren, warum dieses spezielle Kaliber des Tatgeschosses, ein sogenanntes rundköpfiges 6.5 mm-Carcano-Geschoss, bei Rechtsmedizinerinnen und -medizinern wegen des atypisch langen schmalen Wundkanals für Verwirrung sorgte. Luke Haag erklärte auch, wie er Erkenntnisse von Dr. Beat Kneubühl, Ballistiker und Gründer der Forensischen Physik/Ballistik an der Universität Bern, für seine Untersuchungen anwenden konnte. Dieser hat in seinem Buch «Wundballistik» die Auftreffenergieabhängigkeit der Geschossheckdeformation gezeigt, was die Schätzung der Schützenenfernung erlaubte. Da sich das medizinische Feld seit Präsident Kennedys Ermordung stark weiterentwickelt hat, lassen sich zuvor ungeklärte Fragen wie beispielsweise die Kopfbewegung des Opfers und den Durchschuss zweier Personen heute erklären – auch ein wenig dank Forschenden der Universität Bern.

ZUM AUTOR

Matthieu Glardon ist Leiter der Abteilung Forensische Physik und Ballistik im Institut für Rechtsmedizin.