04.09.2018 | Universität | Geist & Gesellschaft

Gender-Forschung geht alle an

Von Geschlechterverhältnissen in der Antike über Varianten der Geschlechtsentwicklung bei Kindern hin zu aktuellen Fragen um die Lohngleichheit: Gender-Forschung findet inzwischen an allen acht Fakultäten der Universität Bern statt, wie das vielseitige Programm einer Vortragsreihe zeigt. Michèle Amacker teilt sich mit Patricia Purtschert die Leitung des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG) und wird gemeinsam mit ihr den Eröffnungsvortrag halten.

Interview: Brigit Bucher

Frau Amacker, Sie halten gemeinsam mit Patrica Purtschert den Eröffnungsvortrag. Warum gerade Sie beide?
Michèle Amacker: Patrica Purtschert und ich haben die gemeinsame Leitung des IZFG inne, das ein interfakultäres Forschungszentrum ist und somit keiner bestimmten Fakultät zugeordnet ist. Das IZFG versteht sich als Netzwerk und hat unter anderem den Auftrag, die Geschlechterforschung an der Universität Bern zu vernetzen und in die verschiedenen Fakultäten hineinzutragen. Deshalb sind Gender Studies an der Universität Bern auch als transversales Fach konzipiert, das ergänzend zu einem Hauptfach studiert wird (Master Minor). Vor diesem Hintergrund macht es also Sinn, dass das IZFG als Kompetenzzentrum für Geschlechterforschung den Eröffnungsvortrag hält. Dieser Rahmen bietet zudem Gelegenheit, das IZFG vorzustellen sowie die Interdisziplinarität der Gender Studies zu begründen.

Was soll mit der Vortragsreihe erreicht werden?
Die Vortragsreihe hat die Abteilung für Gleichstellung der Universität Bern initiiert, organisiert wird sie vom IZFG. Da es bislang kein fakultätenübergreifendes Netzwerk der Gender-Forschenden der Universität Bern in diesem Umfang gab, ist diese Reihe ein Anfang zur gesamtuniversitären Vernetzung. Vielleicht entstehen daraus auch neue, interdisziplinäre Forschungsprojekte.

Und darüber hinaus?
Weiter möchte die Reihe der Öffentlichkeit das grosse Spektrum der Geschlechterforschung präsentieren – und aufzeigen, dass die hier aufgeworfenen Fragen weit über die Wissenschaft hinaus relevant sind.

Wie sind Sie selbst zur Gender-Forschung gekommen?
Geschlechterforschung hat den Anspruch, etwas zu verändern, etwas in Bewegung zu bringen, Selbstverständliches zu hinterfragen. Sie ist gesellschaftlich relevant, weil es ihr um Fragen von Macht und Gerechtigkeit geht. Dieser Ansatz gefällt mir und dadurch habe ich zur Geschlechterforschung gefunden.

Womit beschäftigen Sie sich aktuell in Ihrer Forschung?
Gegenwärtig beschäftige ich mich in meiner Forschung unter anderem mit Fragen von Prekarität im Detailhandel, einem der grössten Frauenarbeitsplätze der Schweiz. Im Rahmen des neu lancierten Nationalen Forschungsprogramms (NFP) 76 zu Fürsorge und Zwang werde ich zudem mit der Historikerin Tanja Rietmann das Pflegekinderwesen in der Schweiz aus soziologischer und historischer Perspektive unter die Lupe nehmen.

Gibt es einen Vortrag, dem Sie mit besonders grossem Interesse entgegensehen?
Ich freue mich auf alle Vorträge! Besonders interessiert mich etwa der Vortrag «Geschlechterforschung aus einer arbeits- und organisationspsychologischen Sicht: Fokus auf Stereotypen und Berufswahl» von Dr. Rebekka Steiner und M. Sc. Anja Ghetta. Dieses Thema haben wir am IZFG in Form eines Wissenstransfer-Projekts umgesetzt. So haben wir, basierend auf erziehungswissenschaftlichen und soziologischen Befunden zur Berufswahl aus Geschlechterperspektive, ein elektronisches Lernspiel entwickelt.  

Zur Person

Michèle Amacker ist seit Februar 2016 Assistenzprofessorin für interdisziplinäre Geschlechterforschung und Co-Leiterin des IZFG. Zu den Schwerpunkten ihrer Forschung gehören Prekarität, Armut, Soziale Ungleichheit, Arbeitssoziologie, Diskriminierung und transdisziplinäre Forschungsmethoden.

Kontakt:

Prof. Dr. Michèle Amacker
Universität Bern, IZFG
Telefon: +41 31 631 52 28 / E-Mail: michele.amacker@izfg.unibe.ch

INTERDISZIPLINÄRES ZENTRUM FÜR GESCHLECHTERFORSCHUNG IZFG

Das IZFG bündelt als disziplinenübergreifendes Netzwerk die Gender-Kompetenzen der Universität Bern und arbeitet als Kompetenzzentrum für inter- und transdisziplinäre Geschlechterforschung an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Professorinnen und Professoren aus unterschiedlichen Fächern und Fakultäten engagieren sich für das Zentrum und Studierende mit verschiedenen disziplinären Hintergründen absolvieren hier ihr Studium in Geschlechterforschung.

Das IZFG thematisiert aus einer Geschlechterperspektive gesellschaftspolitisch relevante Fragen schwerpunktmässig in den Bereichen «Gender & Development», «Menschenrechte & Diskriminierung», «Gleichstellungspolitik & Gender Mainstreaming», «Armut & Prekarität», «Care» sowie «Postkolonialismus». In diesen Themenbereichen hat das IZFG in den vergangenen Jahren zahlreiche Mandate und Beratungen übernommen und sich mit innovativen Produkten auch international einen Namen gemacht.

VORTRAGSREIHE HS18: GENDER-FORSCHUNG

Acht Fakultäten, acht Referenten und Referentinnen. Ziel der Vortragsreihe ist, die Gender-Forschenden der Universität Bern zu vernetzen.

Alle Interessierten sind herzlich zu den öffentlichen Vorträgen eingeladen.

17.09.18 (Montag)
Eröffnungsvortrag mit Vernetzungsapéro
Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG)
Prof. Dr. Michèle Amacker, Prof. Dr. Patricia Purtschert
18:15 Uhr, Raum A003, UniS, Schanzeneckstr. 1

24.09.18 (Montag)
«Zweierlei Mass für Frauen und Männer? Zur doppelten Moral der Bewertung gerechter Löhne»
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Prof. Dr. Ben Jann, Barbara Zimmermann, M.A.
18:15 Uhr, Raum A-122, UniS, Schanzeneckstr. 1 

18.10.18 (Donnerstag)
«Nachhaltig gesund? Arbeitsmarkt Schweizer Gesundheitswesen aus globaler und lokaler Perspektive»
Philosophisch-naturwissenschaftliche Fakultät
Prof. Dr. Susan Thieme
18:15 Uhr, Raum 129, Hauptgebäude, Hochschulstr. 4

22.10.18 (Montag)
«Von Chimären, scheinbaren Ziegenböcken und kämpferischen Damen»
Vetsuisse-Fakultät (Veterinärmedizin)
Prof. Dr. med. vet. Gaby Hirsbrunner
18:15 Uhr, Hörsaal Bremgartenstrasse, Eingang 109

29.10.18 (Montag)
«Geschlechtergeschichte der Antike»
Philosophisch-historische Fakultät
Prof. Dr. Thomas Späth
18:15 Uhr, Raum F005, Unitobler, Lerchenweg 36

08.11.18 (Donnerstag)
«Varianten der Geschlechtsentwicklung beim Kind – Spielereien der Natur»
Medizinische Fakultät
Prof. Dr. med. Christa Flück
18:15 Uhr, Hörsaal «Ettore Rossi», Kinderspital, Freiburgstr. 15

29.11.18 (Donnerstag)
«Geschlechterforschung aus einer arbeits- und organisationspsychologischen Sicht: Fokus auf Stereotypen und Berufswahl»
Philosophisch-humanwissenschaftliche Fakultät
Dr. Rebekka Steiner, M. Sc. Anja Ghetta
18:15 Uhr, Raum B101, HSZ vonRoll, Fabrikstr. 8

03.12.18 (Montag)
«Gender-trouble in GOTT? Bildstörungen und Bildbrüche im Dienst des Bilderverbots»
Theologische Fakultät
Prof. Dr. Magdalene L. Frettlöh
18:15 Uhr, Raum F005, Unitobler, Lerchenweg 36

10.12.18 (Montag)
«Zur Stellung von Menschenhandelsopfern im Asylverfahren»
Rechtswissenschaftliche Fakultät
Dr. iur. Nula Frei
18:15 Uhr, Raum A-122, UniS, Schanzeneckstr. 1

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ZUR AUTORIN

Brigit Bucher arbeitet als Leiterin Media Relations in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.