29.06.2018 | Forschung |

Ein Tummelplatz für brillante Besessene

Für ambitionierte Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler gelten die Fachzeitschriften «Nature» und «Science» als Olymp. Doch wie schafft man es, in diesen «High impact journals» publiziert zu werden? Michael White, der «Nature»-Redaktor für Klimathemen, erzählte an einem Vortrag in Bern, wie sein Magazin tickt.

Von Kaspar Meuli

Pro Jahr landen 400 wissenschaftliche Artikel auf seinem Schreibtisch. Maximal 35 davon werden veröffentlicht. 70 Prozent der eingereichten Studien lehnt er ab, ohne sie überhaupt Expertinnen oder Experten zur Beurteilung geschickt zu haben. Bei den meisten Manuskripten zeigt der Daumen des «Nature»-Redaktors schon nach fünf Minuten Lektüre nach unten. 

Eine knappe Stunde lang hat Michael White seinem Publikum vor Augen geführt, wie hoch die Latte liegt, wenn man bei «Nature» unterkommen will. Nun meldet sich ein junger Zuhörer zu Wort und will wissen, wieso man sich als Forscherin oder Forscher dies alles eigentlich antun soll: «Wissenschaft bleibt doch Wissenschaft, egal wo man publiziert.» Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Wir bieten eurer Arbeit Sichtbarkeit. Für die Leser sind Zeitschriften wie die unsere eine Möglichkeit, jene Publikationen zu identifizierten, die für ihre eigene Arbeit am relevantesten sind.»

Kommt dazu: Wer in «Nature» oder «Science» abgedruckt wird, auf den färbt das Prestige der Zeitschriften ab. Die Chance, von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zitiert zu werden, steigt. Und: Berufungskommissionen, zum Beispiel für eine Professorenstelle, zeigen sich beeindruckt. Kurz: Ein Artikel in einem «High impact journal» kann akademischen Karrieren unverzichtbaren Schwung verleihen.

Zeitschriften buhlen um Beiträge

Doch nicht nur die Forschenden sind auf die renommierten Zeitschriften angewiesen. Auch umgekehrt ist es so. Die Fachmagazine rivalisieren um aufsehenerregende Publikationen. Nicht zuletzt deshalb war «Nature»-Redaktor Michael White am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern zu Besuch. Er wollte Kontakte pflegen und sich aktuelle Forschungsvorhaben zeigen lassen. Zum Beispiel das europäische Projekt «Oldest Ice», bei dem Berner Klimaforscherinnen und Klimaforscher eine zentrale Rolle spielen und in welchem das älteste Eis der Welt als Klimaarchiv genutzt werden soll. Die zu erwartenden Publikationen aus der Eiskernforschung, so White, «würden wir sehr gerne in Nature sehen.»

Vom Modellierer zum Redaktor

Der US-Amerikaner Michael White war selbst Teil des Wissenschaftsbetriebs. Er studierte Umweltwissenschaften, befasste sich in seiner Dissertation mit dem Modellieren von Ökosystemen und brachte es bis zum Assistenzprofessor an der Utah State University. Seit 2008 arbeitet er im «Nature» Büro in San Francisco. Der Hauptsitz des 1869 gegründeten Journals ist in London. «Ich sehe mich als Schnittstelle zwischen der Zeitschrift und euch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, der Forschungsgemeinde», beteuerte White zu Beginn seines Referats.

Was also braucht es, um mit einem Artikel bei «Nature» Erfolg zu haben? Die Antwort des Schnellredners Michael White in Kürzestversion: Sein Magazin will wissenschaftliches Neuland betreten, und es wählt Themen, die eine möglichst grosse Auswirkung auf die Gesellschaft haben. Kommt dazu: Die Artikel sollen faszinieren, bloss nicht langweilen. Das Diktum, wonach «Science» Daten publiziere und «Nature» Geschichten, nimmt White selbst vorneweg und sagt: «Etwas Wahres ist da schon dran, aber hin und wieder veröffentlichen wir durchaus auch Zahlen.»

Die Negativ- und die Positivliste

Dann zählt White eine ganze Liste von Ausschlussgründen auf. Keine Chancen haben Forschungsarbeiten, die bloss bestehende Studien reproduzieren, lediglich Aussagen zu Einzelfällen machen oder zeigen, dass ein Modell nicht funktioniert. Auch wer mit einem neuen Ansatz bestehende Ergebnisse bestätigt, findet kein Gehör. «Aus Sicht eines Spezialisten mag das ein grosser Fortschritt sein, aber nicht vom Standpunkt einer Zeitschrift aus», erklärt White.

Nach der Negativ- hier die Positivliste. Ausschau hält «Nature» nach Publikationen aus Bereichen, «in denen wir die Antworten noch nicht kennen». Das Ziel, so White, seien Beiträge aus den «dunklen Bereichen des Nichtwissens». Veritable Entdeckungen also. Gefragt sind aber auch Artikel, die bestehendes Wissen in Frage stellen oder Kontroversen mit unterschiedlichen Standpunkten zu einem Thema lancieren. «Doch was wir wohl am meisten schätzen, sind Beiträge, die Mechanismen aufzeigen und Einblicke darin bieten, wie die Welt funktioniert.»

Mit einer Studie bei «Nature» abzublitzen, beruhigte Michael White sein Publikum zum Schluss, sei kein noch lange kein Grund zum Verzweifeln: «Das geschieht allen!» Gut hingegen wäre es, wenn Autorinnen und Autoren mindestens zwei von drei Eigenschaften mitbringen, die der Redaktor bei seiner Arbeit für das Magazin über die Jahre beobachtet hat: Seien Sie «brillant», «obsessiv» und «überzeugend».

Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR)

Das Oeschger-Zentrum ist das Kompetenzzentrum der Universität Bern für Klimaforschung. Es wurde im Sommer 2007 gegründet und trägt den Namen von Hans Oeschger (1927-1998), einem Pionier der modernen Klimaforschung, der in Bern tätig war. Das Oeschger-Zentrum bringt Forscherinnen und Forscher aus neun Instituten und vier Fakultäten zusammen und forscht disziplinär und interdisziplinär an vorderster Front. Erst die Zusammenarbeit von Natur-, Human-, Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften kann Wege aufzeigen, wie sich dem globalen Klimawandel auf unterschiedlichsten Ebenen begegnen lässt: regional verankert und global vernetzt.

Zum Autor

Kaspar Meuli ist Journalist und PR-Berater. Er ist verantwortlich für die Kommunikation des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung.