23.02.2018 | Universität | Geist & Gesellschaft

Bildung 4.0: «Zukunft geschieht nicht einfach»

Zum dritten Mal ging am Donnerstag, 22. Februar im Kursaal Bern «The Spirit of Bern» über die Bühne. Der Anlass drehte sich ums Thema Digitalisierung im Bildungsbereich und brachte die Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in den Dialog. Das Online-Magazin «uniaktuell» war vor Ort, hat an den morgendlichen Break-out Sessions teilgenommen und am prominent besetzen Nachmittagsprogramm unter anderen dem Philosophen Richard David Precht gelauscht, der — wie auch Erziehungsdirektor Bernhard Pulver — erklärte, warum es nicht ausreicht, einfach mehr Computer und digitale Medien im Unterricht einzusetzen, um der digitalen Transformation zu begegnen.

Von Brigit Bucher und Ivo Schmucki

Die digitale Transformation berührt alle Lebens- und Arbeitsbereiche, so auch alle Bildungsstufen. Im Zentrum der dritten Ausgabe des «The Spirit of Bern» stand die Frage, wie Bildungsinstitutionen dieser Entwicklung begegnen. Wie gehen wir beispielsweise damit um, dass zwei Drittel der heutigen Schülerinnen und Schüler dereinst in Berufen tätig sein werden, die wir heute noch gar nicht kennen?

In seiner Eröffnungsansprache zeigte sich Bundesrat Johann Schneider-Ammann überzeugt, dass die Digitalisierung Chancen biete, wenn man sich ihr nicht verschliesse. Er betonte, dass Investitionen im Bereich Bildung, Forschung und Innovation unabdingbar seien, wenn die Schweiz den Anschluss nicht verlieren wolle. «Die Digitalisierung schreitet schnell voran, und wir müssen uns anpassen.»

Zur Frage, wie eine solche Anpassung aussehen könnte, hielt Richard David Precht ein gewohnt leidenschaftliches Plädoyer für die Reformation des Bildungssystems. Der prominente Philosoph ist überzeugt, dass das heutige Schulsystem nicht richtig designt ist, um mit den Herausforderungen und den Konsequenzen der digitalen Transformation umzugehen: «Die heutigen Schulen sind nach dem Vorbild von Kasernen gebaut, in denen die Schülerinnen und Schüler turnusgemäss versetzt werden, Leistungsabgleiche stattfinden und am Ende sortiert wird, wer für welche Laufbahn in Frage kommt.» 

Precht fordert ein individualisiertes Bildungssystem, wo Lernen und Förderung projekt- und interessenorientiert möglich sind und wo die starren Grenzen zum Berufsleben aufgehoben werden. Precht ist überzeugt, dass die Digitalisierung zum Verschwinden vieler Berufe führen werde und dass längst nicht mehr gleich viele Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen werden wie heute. Er plädiert deswegen dafür, dass der Fokus im Bildungssystem auf Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbefähigung und intrinsische Motivation gelegt werden müsse, damit die Menschen dereinst befähigt sind, ihr Leben dank einem bedingungslosen Grundeinkommen auch ohne Erwerbstätigkeit zu gestalten. 

Susanne Ruoff und Simon Michel erzählten anschliessend vom Umgang und den Herausforderungen der digitalen Transformation bei der Post und bei Ypsomed und formulierten ihre Erwartungen an die Politik. Eingestreut ins Programm wurden zusätzlich verschiedenste Good-Practice-Beispiele aus dem regionalen Bildungsbereich. Matthias Stürmer vom Institut für Informatik an der Universität Bern zeigte zum Beispiel auf, wie er erfolgreich Youtube-Videos in seine Vorlesungen einbindet. 

Vertreterinnen und Vertreter von Bildungsinstitutionen diskutierten schliesslich über den Adaptions- und Fitheitsgrad ihrer Ausbildungsstätten für die Digitalisierung. Sie waren sich einig, dass lebenslanges Lernen notwendig sei und dass für eine gelingende Transformation alle einbezogen werden müssen – indem der Wandel auch bottom-up angegangen wird. Christian Leumann, Rektor der Universität Bern, betonte, dass es keinen vorgegebenen Weg gäbe: «Wir sind daran, eine Digitalisierungsstrategie für die Universität Bern zu entwerfen. Allerdings weiss niemand genau, welche Herausforderungen in Zukunft auf uns zukommen und wie wir damit umgehen werden. Die digitale Transformation muss für uns auch ein Labor sein, in dem wir experimentieren, um den besten Weg zu finden.» 

Bernhard Pulver, Regierungspräsident und Erziehungsdirektor des Kantons Bern, sagte, man habe mit dem Lehrplan 21 die nötigen Freiräume geschaffen, die es nun aber zu nutzen gelte. In seinem Fazit forderte er, der digitalen Transformation mit einer positiven Grundhaltung zu begegnen und Chancen zu erkennen. Allerdings gelte es auch, soziale Brüche zu verhindern, die durch das Verschwinden von bestimmten Jobs entstehen könnten. «Zukunft geschieht nicht einfach, sie kann gestaltet werden», so Pulver. «Wir brauchen Visionen und Strategien und müssen alle miteinbeziehen.» Gefragt, was er jungen Menschen rate, welchen Beruf sie erlenen sollen, wenn sie doch nicht wüssten, ob es diesen in zehn Jahren noch geben werde, sagte er: «Man sollte sich für das entscheiden, wofür man sich am meisten interessiert.» 

Das Publikum war mit Vertreterinnen und Vertretern von Bildungsinstitutionen, der Politik und der Wirtschaft aber auch vielen Studierenden gut durchmischt. Das Interesse war gross: Mit über 900 Teilnehmenden war die Veranstaltung ein voller Erfolg.

BREAK-OUT SESSIONS AM «SPIRIT OF BERN»

Im Morgenprogramm des «The Spirit of Bern» fanden vier sogenannte Break-out Sessions statt zu den Themen Palliative Care, Provenienzforschung am Beispiel des Falls Gurlitt, e-Health und dem Modell der Lehrlingsausbildung der Swisscom. 

Spannendes zum Fall Gurlitt gab es in der Break-out Session 1 zu erfahren. Das Podium war prominent besetzt: Andrea Baresel-Brand (Leiterin des Projekts Provenienzrecherche Gurlitt am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste), Bernd Nicolai  (Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern und Nina Zimmer (Direktorin Kunstmusem Bern – Zentrum Paul Klee) diskutierten mit dem Moderator Marcel Brühlhart, der das Kunstmuseum Bern in der Causa Gurlitt vertritt, die jüngsten Entwicklungen und Auswirkungen des Falls auf die Provenienzforschung und den Kunsthandel. Zur Sprache kam dabei auch, wie wichtig die Digitalisierung der Archive von Museen, des Kunsthandels, aber auch von privaten Sammlungen für die Provenienzforschung und für die Erforschung von Sammlungen ist. 

In der Break-out Session 2 diskutierten Georg Bosshard, Leitender Arzt Longterm der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich, Steffen Eychmüller, Leitender Arzt des Universitären Zentrums für Palliative Care am Inselspital Bern und die BDP-Nationalrätin und Bildungspolitikerin Rosmarie Quadranti darüber, wie wir als Gesellschaft künftig mit dem Tod und der Zeit unmittelbar davor umgehen wollen und welche Herausforderungen die heutigen Kostenmodelle im Gesundheitswesen für den Einzelnen, aber auch Gesundheitsinstitutionen bereithält.

E-Health und digitale Transformation waren die Themen der Break-out Session 3, die von Jürgen Holm, Michael Lehmann und Thomas Bürkle vom Institute for Medical Informatics der Berner Fachhochschule präsentiert wurde. Die drei Professoren zeigten auf, wohin uns die Digitalisierung und die Innovation im Gesundheitswesen in Zukunft führen könnte.

Unter dem Titel «Marktplatz Swisscom – die agile Lehre der Zukunft» stellten Marc Marthaler, Head of Next Generation Swisscom, und zwei Lernende das Ausbildungskonzept der Swisscom vor. Marthaler sagte: «Die Next Generation wird unsere Zukunft prägen, eine effektive Integration in den Arbeitsalltag ist ebenso wichtig, wie dass wir die jungen Leute unsere Vision mitentwickeln lassen.» Bei der Swisscom gibt es einen digitalen Marktplatz, auf dem Mitarbeitende Projekte ausschreiben, auf die sich die Lernenden bewerben können. Die jungen Leute werden befähigt, indem sie sich Sozial- und Methodenkompetenzen aneignen, ihnen Verantwortung übertragen wird und sie selbständig ihr individuelles Ausbildungsprogramm gestalten können.

The Spirit of Bern

«The Spirit of Bern» ist eine Stiftung nach Schweizerischem Recht. Sie verfolgt das Ziel, den Dialog zwischen Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu ermöglichen und zu fördern. Dazu findet einmal pro Jahr eine Konferenz  statt, an der sich die Vertreterinnen und Vertreter der drei Disziplinen jeweils einem bis zwei gesellschaftsrelevanten Themen widmen. Im Fokus steht das Identifizieren von Lösungsansätzen für diese Herausforderungen. Die Stiftung «The Spirit of Bern» verfügt über eine breite Trägerschaft aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

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Zur Autorin, zum Autor

Brigit Bucher arbeitet als Leiterin ad Interim Corporate Communication an der Universität Bern. 

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.