28.12.2017 | Personen | Gesundheit & Medizin

60 Jahre Forschung und kein bisschen müde

Ewald Weibel, emeritierter Professor für Anatomie der Universität Bern, publiziert mit 88 Jahren noch immer und wurde kürzlich von der American Physiological Society in einem Video porträtiert. Darin erzählt er aus seinem reichen Leben als Forscher – und wie ihn der Wissensdrang auch mal dazu brachte, Erbsen zu zählen oder in Kenia auf Safari zu gehen.

Von Nathalie Matter

In seinen 60 Jahren Forschungstätigkeit hat Ewald Weibel über 400 Artikel publiziert und mehrere Bücher herausgegeben. Er ist Träger des «Schweizer Nobelpreises» Marcel Benoîst Preis, Ehrendoktor, Pionier auf dem Gebiet der Elektronenmikroskopie, baute als Direktor das Institut für Anatomie der Universität Bern auf, amtete als Rektor und setzte sich dafür ein, die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm zu holen. Seinen gewichtigen Beitrag zur Entwicklung der Physiologie ehrte die American Physiological Society nun in einem Video-Interview. Ewald Weibel erzählt darin seinen Werdegang, seine herausragendsten wissenschaftlichen Leistungen und so manche Anekdote.

Ewald Weibel im Interview für die Reihe «Living History» der American Physiological Society. © American Physiological Society

Das Erbsenexperiment

Seine Leidenschaft für die Forschung wurde schon früh geweckt: an der Kantonsschule Aarau, an der 50 Jahre zuvor Albert Einstein die Schulbank gedrückt hatte – und sie ist nie erloschen. «Ich war immer breit interessiert», sagt Weibel. Obwohl er ein Leben lang Anatomie lehrte, fühlte er sich mehr als Physiologe, interessierte sich für das Zusammenwirken von Lebensvorgängen im Organismus, insbesondere für den Gasaustausch in den Lungenbläschen. Die Anzahl dieser Alveolen in der menschlichen Lunge war Ende der 1950er Jahre noch unbekannt, da diese kleinen Strukturen nur im Mikroskop auf dünnen Schnitten gesehen werden konnten.

Zusammen mit einem Kardiologen konnte Weibel dank eines Experiments mit in Gelatine eingelegten Erbsen eine Zählmethode vorlegen, um die Anzahl der Alveolen auf solchen Schnitten zu ermitteln: rund 300 Millionen sind es in der menschlichen Lunge. Das Erbsen-Experiment wurde im «Journal of Applied Physiology» publiziert, einer der renommiertesten Zeitschriften auf diesem Gebiet – «und wohl das einzige Mal, in dem darin Gemüse abgebildet war», erinnert sich Weibel.

Mitten in seinem wissenschaftlich sehr fruchtbaren Aufenthalt in den USA musste er 1962 die Staaten wieder verlassen, da er nach Ablauf eines Forschungsstipendiums zu einem «illegal immigrant» geworden war. Zurück in der Schweiz, richtete er an der Universität Zürich das erste Elektronenmikroskop ein. 1966 folgte er einem Ruf nach Bern, um dort mit 37 Jahren als Direktor das Institut für Anatomie zu übernehmen. Keine leichte Aufgabe, da es sich um ein grosses Institut handelte, das aber über keine Infrastruktur für zeitgemässe Forschung verfügte. Weibels grosse Ausbaupläne wurden vom Regierungsrat genehmigt, und er konnte das Institut modernisieren. 

«Die Lunge im Herzen» 

Sein Forschungsinteresse galt in all den Jahrzehnten vor allem einem Organ: «Ich hatte die Lunge im Herzen», sagt Weibel. Besonders interessierte ihn der Gasaustausch und die Diffusionskapazität, also die maximale Aufnahmefähigkeit von Sauerstoff in menschlichen und tierischen Lungen, und wie diese von der Struktur beeinflusst wird. Um dies bei unterschiedlicher Leistungsfähigkeit zu ermitteln, startete er zusammen mit einem Physiologen der Harvard University ein Projekt in Kenia, bei dem Wildtiere gefangen und deren Lungen und Muskeln beim Laufen auf einem Laufband untersucht wurden.

So konnte anhand von 27 Tieren von einem halben bis zu 250 Kilo Gewicht gezeigt werden, dass die Aufnahmefähigkeit der Lunge für Sauerstoff steigt, wenn die Muskelzellen bei der Arbeit mehr Sauerstoff benötigen. Dies führte zur Theorie der Symmorphose, die besagt, dass der Körper bei Mensch und Tier nur so viel Struktur «baut», als er für eine Funktion benötigt. 

«Bewahrt euch das unabhängige Denken!»

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Weibel auch in vielen Gremien aktiv, mehrmals als deren Präsident, und amtete von 1984-85 als Rektor der Universität Bern. Als solcher war es ihm ein Anliegen, die Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm rauszuholen und in die Gesellschaft zu bringen, weshalb er 1986 im Zusammenhang mit dem Haus der Universität die Akademische Kommission gründete, aus der 2002 das Forum Universität und Gesellschaft wurde. Auf die Frage, was er heutigen jungen Forscherinnen und Forschern raten würde, sagt Weibel: «Es braucht heute einen grösseren Effort, um sich ein unabhängiges Denken zu bewahren in einem so stark strukturierten Lehrsystem.» Er empfiehlt zu sehen, dass Medizin eine Dienstleistung sei, aber auch eine Wissenschaft, welche diese Dienstleistung verbessern könne. Für Entdeckungen sei es wichtig, Schwachpunkte im bisherigen System zu erkennen, und dranzubleiben – dies könne zu grossen Erfolgen führen: «Bewahrt euch das unabhängige Denken!»

ZUR PERSON

Teaser

Geboren 1929
1955 Promotion an der Universität Zürich
1958-1959 Research Fellow an der Yale University (USA)
1959-1962 Research Associate an der Columbia University und der Rockefeller University (USA)
1963-1966 Assistenzprofessor an der Universität Zürich
1966-1994 Ordinarius und Direktor am Institut für Anatomie, Universität Bern
1994 Emeritierter Professor
1984-1985 Rektor der Universität Bern
Akademische Funktionen unter anderem als Präsident der International Union of Physiological Sciences, der International Society for Stereology, der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), Vizepräsident der Marcel Benoîst Preis Stiftung, Council Member der Royal Microscopial Society, London und der European Cell Biology Organisation. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Marcel Benoîst Preis, einem Ehrendoktortitel der Universität Edinburgh und der Universität Genf sowie diversen Ehrenmitgliedschaften in internationalen und nationalen medizinischen Gesellschaften.

DAS FORUM UNIVERSITÄT UND GESELLSCHAFT

Das Forum für Universität und Gesellschaft (FUG) wurde 1987 – damals noch unter dem Namen «Akademische Kommission» – von Ewald Weibel gegründet und ist ein Netzwerk von Vertretern aus Wissenschaft und Praxis. Seine Mitglieder aus verschiedenen Fachbereichen der Universität sowie aus Politik, Wirtschaft und Kultur spiegeln die Brückenfunktion zwischen Universität und Gesellschaft. Das Forum verknüpft Kompetenzen, indem es das aktuelle Wissen in Veranstaltungen zusammenträgt, klärt und bewertet. In bereichsübergreifenden Diskussionen und Publikationen werden die Themen kommentiert und vertieft mit dem Ziel, Expertenwissen für die Öffentlichkeit fruchtbar zu machen.

ZUR AUTORIN

Nathalie Matter ist Redaktorin PR/Media bei Corporate Communication.